Meine Kinder wollten Kaninchen haben - ich war erst sehr abgeneigt, da ich "so einen Gestank nicht im Haus haben will" und "mir tun die armen Viecher leid in so einem Käfig". Von Gruppen-Haltung oder artgerechter Haltung oder ähnlichem hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Ahnung. Aber die Diskussion geht seit mittlerweile 3 Jahren und da die Kinder jetzt 8 und 11 sind haben wir uns erweicht.
Aber es war für alle klar "Kaninchen leben draußen und so artgerecht wie möglich". Nun, ich habe mich dann mit den Kindern zusammen sehr schlau gemacht, viel recherchiert, das tolle Buch "Artgerechte Haltung - ein Grundrecht auch für (Zwerg-)Kaninchen" gefunden und irgendwann dann so alles an Infos gehabt, was wir brauchten, um unser "Projekt Kaninchen" anzugehen.
Wir wussten nun, dass wir eine 3Žer Gruppe bestehend aus einem kastriertem Rammler und zwei Weibleins haben wollten. Kaninchen sind Sippentiere und sollten in kleineren Gruppen gehalten werden, damit sie auch die nötigen Sozial-Kontakte pflegen können. Hier bei uns in Kanada ist es gar nicht so einfach Zwergkaninchen zu bekommen. In den Zoohandlungen werden alle mögliche Größen-Mischungen angeboten, aber immer nur ganz schwarze Tiere. Irgendwie konnten wir uns damit so gar nicht anfreunden. In Tierheimen gibt es zum Glück so gut wie keine Kaninchen, es saßen nur zwei ganz große alte Kaninchen dort. Nun und irgendwann haben wir ein paar Züchter ausfindig gemacht, die Kaninchen für Ausstellungen züchten und immer mal Tiere abgeben, die nicht ganz so toll geraten sind. Aber das macht uns ja gar nichts aus. Und da ich erfahren habe, was mit den Tieren ansonsten passiert, haben wir so gesehen also auch 3 Tiere gerettet !!!
Wir haben ca. 35 qm Platz für unser Gehege. Die Hälfte der Fläche ist eben, der Rest geht den Berg hoch, das macht das Gehege natürlich wunderbar abwechslungsreich. Das Gehege wird im ebenen Bereich 1,8 - 2 m hoch und nach hinten im Hangbereich natürlich niedriger.
Montag:
Nun geht es an die Arbeit: Als erstes mussten wir 7 ca. 50 cm tiefe Löcher für die Hauptpfosten graben. Da wir sehr sandigen Boden mit großen Steinen haben ist das ein ziemlich anstrengendes Unterfangen gewesen. Die Kinder waren für die ersten Grabungen zuständig und ich dann für die Tiefbohrungen. Anschließend Beton anmischen, die Pfosten einsetzen, gerade ausrichten und für den heutigen Tag hatten wir wirklich genug getan.
Dienstag:
Die Querverbindungen wurden angebracht und rundum in einer Tiefe von 50 cm ein Graben gezogen, damit wir den Kaninchenzaun auch tief eingraben konnten. Ansonsten graben sich die Kaninchen aus dem Gehege raus oder Raubtiere können in unser Gehege einbrechen und unsere Kaninchen töten. Nur durch diese Gedanken konnte ich die Kinder bei Laune halten um immer weiter zu buddeln. Sie versuchten mir immer wieder klar zu machen, dass Kinderarbeit eigentlich verboten ist. Nach dieser Schweißarbeit fing ich an, den Kaninchendraht anzubringen. Schön langsam nimmt unser Gehege Gestalt an.
Mittwoch:
Nun kommen die Dachstreben dran und der Maschendraht wird angebracht um Schutz von oben vor Greifvögeln und anderen Räubern zu haben. Wir holen noch große Rindenstücke verteilen sie auf der Fläche neben dem zukünftigem Haus und die Fläche hinterm Haus wird mit Sand und Steinen angelegt. Diese verschiedenen Oberflächen-Strukturen sollen auch wieder Abwechslung ins Gehege bringen und der natürlichen Krallenabnützung helfen.
Donnerstag:
Wir kaufen Fertigrasen für ca. 50 % der Fläche, setzen Schafgarben-Pflanzen ein (gut gegen Bauchweh und Blähungen), pflanzen 4 kleine Fichten, unter die ich kleine Mulden ausgrabe, damit sich die Kaninchen dort im Schatten der Bäumchen hinlegen können, pflanzen weitere kleine Laubbäume in den Hang und kaufen auch noch einen schönen Haselnuss-Strauch, da Kaninchen Haselnuss-Sträucher sehr gerne mögen. Anschließend haben wir auch noch einen Hügel aufgeschüttet und darin ein Rohr zum durchkrappeln eingegraben. Abwechslung ist einfach wichtig im Gehege. Dann haben wir noch 3 verschieden große Baumstämme, die wir als Aussichtsposten für die Kaninchen ins Gehege reinstellen. Kaninchen lieben es, auf erhöhten Plätzen zu sitzen und von dort die Übersicht zu haben. Und auch für uns werden die Stämme immer eine gute Sitzgelegenheit sein, um die Kaninchen in ihrem Lebensraum beobachten zu können.
Freitag:
Wir haben im Baumarkt einen Bausatz für eine Hundehütte mit einer Grundfläche von ca. 95 x 125 cm gefunden. Mit meinem handwerklichem Geschick ist es kein Problem, den in einen Kaninchenstall umzuändern. Zusätzlich habe ich ein Brett eingezogen um einen 1. Stock zu bekommen, Und in diesem habe ich dann ganz oben im Dachgiebel auch noch mal ein erhöhtes Brett angebracht, um den Kaninchen auch hier noch mal einen Aussichtsplatz anzubieten. Mein Sohn macht die Treppe für den 1. Stock aus einem Holzbrett mit aufgenagelten Leisten und ist ganz stolz auf sein Werk.
Nun brauchten wir noch drei dunkle Schlafboxen mit je ca. 25x40 cm für die Kaninchen, da sie normalerweise ja in Höhlen leben. Diese habe ich aus dickem Holz gemacht und mit einem ca. 15 cm großen Einschlupfloch versehen. Man kann die Box von oben öffnen zum Saubermachen etc. Ich habe sie so bemessen, dass ich Plastikschalen reintun konnte, was das Säubern natürlich sehr vereinfacht. Die Schlafboxen befinden sich links im Stall, der Rest der Hauses ist als Aufenthaltsbereich und Futterstelle gedacht. Da das Haus etwas erhöht steht haben die Kaninchen auch den Bereich unterm Haus zur Verfügung. Von drei Seiten ist es mit Steinen zugemacht, mit Durchschlupflöchern für die Kaninchen von vorne durch einen größeren Stein und etliche Kamille-Pflanzen. Der Bereich unterm den Haus ist somit ihre weitere Höhle mit schönem sandigen Untergrund.
Nun heißt es eine Woche warten und den Rasen gießen, denn er soll ja einigermaßen angewachsen sein, bevor die Kaninchen ins Gehege reinkommen.
Endlich ist er da, der Tag, an dem wir unsere Kaninchen holen. Mein Sohn wollte unbedingt ein orange Kaninchen. Die Züchterin hatte einen ca. 11 Wochen alten Rammler und dann fanden wir noch zwei ganz süße 10/11 Wochen alte Weibleins, eine silberfarbene Cinderella und eine schwarz-braune Blacky. Unser Trio war perfekt. Zu Hause durften sie im Haus ein bisschen zusammen sein und am nächsten Tag musste Felix, der Rammler dann auch schon zur Kastration. Wir setzten sie am übernächsten Tag alle zusammen ins Gehege. Sie schauten sich um, hoppelten rum und es war, als wären sie schon immer da gewesen. Irgendwie war es ein tolles Gefühl, den Kaninchen diese Gehege zu geben. Wir hatten das Gefühl, etwas wirklich tolles vollbracht zu haben.
Bereits nach einer Woche hatte Cinderella ein total rotes Auge, fraß nicht und war total zurückgezogen. Meine Tochter hatte Angst um ihr Kaninchen und weinte. Man merkte, wie stark ihr die Tiere bereits ans Herz gewachsen sind. Da ich homöopathisch sehr bewandert bin, habe ich mal gleich mein Wissen an den Tieren ausprobiert. Das Auge mit dem Mittel ausgewischt und das Mittel auch gleich noch in die Trinkschale getan. Und am Abend war wieder alles in Ordnung.
Die Kaninchen sind innerhalb kürzester Zeit zu einer wunderbaren Gruppe zusammengewachsen, die gemeinsam kuschelt. Nach ca. 3 Wochen hatten wir allerdings den ersten Rangordnungs-Kampf. Als wir am Vormittag ins Gehege kamen sahen wir schon all die Fell-Büschel rumliegen. Cinderella, unsere Kleinste, hielt die beiden Anderen in Schach. Felix hat scheinbar schnell klein beigegeben, den ließ sie dann in Ruhe, aber die Kämpfe mit Blacky waren sehr, sehr schlimm zum Anschauen. Sie sprangen zueinander, knallten durch die Wucht des Aufpralles teilweise an die Baumstämme oder die Treppe. Sie wurde durchs Gehege gejagt und immer wieder angesprungen. Uns wurde angst und bange dabei. Die Kinder gingen aus dem Gehege, sie konnten das nicht mit anschauen. Ich hielt durch, stellte fest, das Gehege hat genug Rückzugsmöglichkeiten um den Tieren immer wieder Ruhe-Pausen zu geben. Zwischendurch gab ich den Tieren dann auch noch die Notfall-Bachblüten, denn es war doch Stress pur, was sie da so durchmachen mussten. Ich schaute in regelmäßigen Abständen nach den Kaninchen, aber es hielt sich alles in akzeptablen Grenzen. Am nächsten Tag war die Rang-Ordnung scheinbar geklärt - unsere kleine Cinderella hat das Sagen bei den beiden Größeren !!!
Mittlerweile abheben wir auch noch so halbe Fichten-Rinden-Röhren zum Durch schlupfen und drüberhoppeln gefunden. Sie werden von den Kaninchen sehr gerne angenommen. Sie laufen durch und drüber, dass es eine Freude ist zuzuschauen. Und am laufenden Band bin ich auf irgendwelchen Wiesen mit einer kleinen Schaufel unterwegs um Kräuter auszugraben. Ich möchte aus unserem Golfrasen bis zum nächsten Jahr eine wunderbare Kräuter-Wiese für die Kaninchen machen.
Also ich stelle fest: unsere Kaninchen haben noch alles, was das Wildkaninchen auch hatte und ich würde mir trauen zu behaupten, dass sie in der freien Wildbahn auch überleben würden. Wahrscheinlich keine 10 Jahre, aber so alt werden ja auch nicht alle "Wildkaninchen", da es in der freien Wildbahn doch etwas mehr Gefahren gibt als im Wohnzimmer oder Außengehege und die Tierarzt-Praxis für Kaninchen ohne uns Menschen so schwer zu erreichen ist.
Was fällt mir auf:
sie graben mit Vorliebe ihre Gänge und Höhlen
sie sind bei jedem noch so leisem Geräusch auf Hab-acht-Stellung
kreist weit oben ein Adler, sind sie in Nullkommanichts alle weg
jedes Kaninchen (2 Weiblein und ein kastrierter Rammler - jetzt alle so ca. 5 Monate alt) hat seine Stellung innerhalb der Gruppe
sie wissen genau, was sie fressen dürfen. Ich probiere immer mal die Giftpflanzen aus (nennt mich Raben-Mutter, aber es interessiert mich eben) - sie werden angeschnuppert und dann liegengelassen auch wenn sie noch so lange kein Grünzeug bekommen haben
wenn sie fressen, dann hoppeln sie zwischendurch immer mal zu den Schafgarbe- oder Kamille-Pflanzen, die im Gehege sind
auch wenn sie Grünzeug bekommen, dann fressen sie nicht alles auf einmal auf
sie kriegen keinen Schnupfen wenn sie im Regen oder im Wind sitzen
sie lassen Gurke, Paprika etc links liegen und bevorzugen sämtliche Wiesenkräuter. Selbst die "tollen Leckerlis" haben wir mal ausprobiert (Raben-Mutter testet doch sooo gerne) - kurz rangeschnüffelt und hin zu den angebotenen Wiesenkräutern!
Für mich sind das alles Indizien dafür, das Kaninchen sehr wohl noch ihre "wilde und natürliche" Art in sich haben. Unsere Kaninchen sind reine Zucht-Kaninchen, die einen richtigen Zucht-Stammbaum haben. Also nichts Kreuzung mit irgendwas ... - Umso mehr ist es in meinen Augen unverantwortlich Kaninchen einzeln zu halten oder in der Wohnung (bei noch soviel Freilauf). Ich bin sehr froh, dass wir all die Informationen hatten um unsere Entscheidung in dieser Art und Weise zu machen.
Für mich heißt artgerechte Haltung:
Gruppenhaltung
Außengehege mit immer zugänglichen dunklen Schlafboxen
Möglichkeit zum Graben und Höhlen bauen
viele Verstecke und Rückzugsmöglichkeiten, damit Kämpfe problemlos vonstatten gehen können
Viel Abwechslung im Gehege in Form von erhöhten Flächen, Tunnels, Sträuchern ...
immer Rinde, Äste etc zum knabbern
verschiedene Oberflächen-Strukturen zum Abwetzen der Krallen
und nur solch ein Futter, welches auch im natürlichen Kaninchen-Leben vorkommt. Man kann sich über Getreide etc streiten, hab ich aber nicht vor. Aber ich bin der Überzeugung, dass all das was so als "Leckerlis" den Kaninchen gegeben wird nicht für Kaninchen bestimmt ist
und natürlich ein ganz normaler Wassernapf und nicht so eine komische Trinkflasche
Und sie beinhaltet auch einen Menschen, der sich der Verantwortung des Tieres bewusst ist, da die Tiere letztendlich trotz allem "artgerecht" doch auf den Menschen angewiesen sind
Ach ja, und was mir gerade noch einfällt. Wir haben unsere Kaninchen ja mit 10/11 Wochen bekommen und die Kaninchen waren bis dahin nur diese Pellets gewohnt. Nun, und wir hatten das schöne tolle Gehege mit 50 % Gras-Fläche. Die beiden Züchter rieten uns total davon ab, die Kaninchen sofort ins Gehege zu setzen, sie bekämen Durchfall ohne Ende, da sie sich an dem Grünfutter sofort überfressen würden. Nun, was machen ? Raben-Mutter Birgit setzte sie ins Gehege mit einem riesigen Topf der gewohnten Pellets und ganz viel Heu. - Nun, was soll ich schreiben, unsere Tiere hatten noch keinen einzigen Tag Durchfall!!!
Das Endergebnis: ein artgerechtes Traumgehege für Kaninchen. Es ist ein Holz-Haus im Gehege mit einer Grundfläche von ca. 95 x 125 cm. Dies ist ein Baussatz für eine Hundehütte gewesen (Kostenpunkt ca. 60 EURO), den ich umgebaut habe. Darin habe ich einen ersten Stock eingezogen und darin wiederum im Giebel noch mal ein Brett angebracht. In den ersten Stock kommen sie über ein Holzbrett mit aufgenagelten Leisten (hat mein Sohn gemacht). Im Erdgeschoss sind die 3 Schlafboxen untergebracht. Grundfläche pro Box ca. 20x30 cm mit einem Einschlupfloch von ca.15 cm. (Kostenpunkt ca. 15 EURO da aus starkem Holz) Der Rest der Hauses ist Aufenthaltsbereich und Futterstelle. Auf den Bildern sieht man ums Haus noch Bretter am Boden. Die sind mittlerweile weg, so dass die Kaninchen auch den Bereich unterm Stall zur Verfügung haben. Von 3 Seiten ist es mit Steinen zugemacht, mit Durchschlupflöchern für die Kaninchen und von vorne mit einem Brett mit einer Öffnung. Der Bereich unterm den Haus ist somit ihre weitere Höhle und wird auch gerne genutzt. Durch Wegnahme des Brettes haben wir Einblick in den Bereich, um einfach mal "nach den rechten sehen zu können" Dann sind 3 Baumstumpfe im Gehege, die wir noch hatten. Des weiteren habe ich einen Hügel aufgeschüttet und ein altes Plastikrohr reingetan, damit die Kaninchen durchlaufen können.
Ein Haselnuss-Strauch (Kostenpunkt 10.- EURO) wurde gepflanzt, sowie 4 kleine Fichtenbäumchen und 3 andere Laubbäume, sowie 3 richtig große Schafgarben-Pflanzen umgepflanzt, die hinter unserem Grundstück wild wuchsen. Unter die Fichten habe ich kleine Löcher ausgegraben, damit sich die Kaninchen dort im Schatten der Bäumchen hinlegen können. Die Hälfte der Fläche ist eben und dann geht es den Hang hoch. Im Hang sind die Fichten mit den Ruheplätzen untergebracht.
Hinter dem Haus ist eine steinig-sandige Fläche und neben dem Haus haben wir viele große Rindenstücke hingetan. Der Rest ist Rasen. Die unterschiedlichen Oberflächen sollen den Kaninchen Abwechslung bringen und die Krallen auf natürliche Weise abnutzen.
Das Gehege ist im ebenen Bereich 1,8 - 2 m hoch und wird nach hinten im Hangbereich natürlich niedriger. Die Kosten für das Holz waren ca. 50.- EURO, der Kaninchendraht rundum ca. 30.- EURO und für den Schutz von oben haben wir von einem Bekannten einen alten Maschendraht umsonst bekommen. Da wir hier (wir leben in Kanada) keine Marder haben, müssen wir den Schutz "nur" für Hunde, Katzen, Kojoten, Adler etc machen. daher reicht für die Abdeckung nach oben grobmaschiger Zaun.
Der Gesamtkostenpunkt ist also so ca. bei 175.- EURO gewesen, wenn man all die Kleinteile wie Schloss, Griffe, Schrauben etc noch mitrechnet. Ich hoffe, dir einen kleinen Eindruck vermittelt zu haben. Wir (sowohl die Kinder als auch ich) empfanden es sehr wichtig, die Tiere so artgerecht wie möglich zu halten und sind auch richtig stolz, auf das was wir da zusammengebracht haben.